Gastbeitrag von Roland Gruber

So geht Zukunftsgestaltung!

Wir benötigen dringend die Umsetzung neuer Strategien für unsere metropolfernen Regionen, in der lt. Thünen-Institut rund 50 Prozent der deutschen Bevölkerung leben. Ein Charakteristikum ist die große regionale Unterschiedlichkeit dieser Räume, nicht nur landschaftlich-topographisch sondern auch geschichtlich-kulturell und die Distanz zu Ankerstädten.
Trotz spürbarer Sehnsucht vieler Menschen nach Land und Natur, Überschaubarkeit und Achtsamkeit sind gerade diese peripheren Räume einer dramatischen Veränderung ausgesetzt. Der demografische Wandel und die selektive Abwanderung besonders junger Menschen setzt den Dörfern, kleineren und mittleren Städten abseits der populären Ballungsräume stark zu. Die Daseinsvorsorge ist immer schwerer aufrecht zu erhalten. Das Land braucht ein neues Narrativ für die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse zwischen Stadt und Land. Corona hat zwar einen positiven Beitrag zum Neudenken geleistet, das Land ist weit mehr als nur ein Freizeitpark, Serverfarm sowie Lebensmittelproduzent für die Städter. Die Aufgaben und Herausforderungen sind vielfältig. Der Fundus bzw. der Humus liegt dabei im konsequenten Aufspüren und die umfassende Transformation der regionalen Schätze und Besonderheiten und vor allem spielt die aktive Einbindung der Bevölkerung eine entscheidende Rolle. Diese Veränderung ist ein vielschichtiger, demokratischer Aushandlungsprozess. Er braucht nicht nur lustvolle Prozesse und die nötige Energie sondern auch starke Typen und aktive Akteure. Im ruralen Raum ist das zivilgesellschaftliche Engagement, die Handschlagqualität und die Möglichkeit der raschen Aneignung das große Plus. Damit können Innovationen in Reallaboren umgehend erlebt werden. Es braucht mehr Mut fürs Ausprobieren, weniger reden und mehr tun. Nur gemeinsam kann der Zukunftsraum Land angepackt werden und auch in sehr peripheren Räumen für eine neue Prosperität sorgen.

Wenn Beteiligung gut gemacht wird, entstehen Zukunftsorte wie von selbst!
Oftmals ist bei Städten und Gemeinden eine gewisse Angst vor Beteiligungsprozessen zu spüren – vielfach entstanden durch negative Erfahrungen: Bürgerbeteiligung sei langwierig und teuer, der Einbindungsprozess ziehe sich wie Kaugummi und die Ergebnisse sind bescheiden, es kämen immer die Gleichen zu Wort und verträten nur ihre eigenen Anliegen - so die Erfahrungen und Vorbehalte, die es ernst zu nehmen gilt. Doch: Nur ein Miteinander von Politik, Verwaltung, Bürgerschaft, Unternehmen, Vereinen, Verbänden, Initiativen und Investoren ist Garant für Zukunftsfähigkeit. Gelungene Beteiligung kann der Motor für gesellschaftlichen Zusammenhalt sein, wenn die Einbindung der Bürger*innen ernst gemeint, gut durchdacht und richtig gemacht ist. Sie braucht neben ausreichend Zeit, Raum und finanzieller Mittel vor allem Haltung, Engagement und Offenheit. Der richtige Zeitpunkt einer Beteiligung ist genauso wichtig wie eindeutige Regeln und Rollen, Transparenz bei Gestaltungsmöglichkeiten und Entscheidungskompetenzen. Es braucht Klarheit in Sache, Zweck und Ziel. Pfiffige Methoden müssen alle Interessierten einbinden und Raum auch für Randgruppen, Konfliktthemen und Wut bieten. All das sollte mit genügend Witz und Humor gewürzt sein, motivieren und Spaß machen!
Im Wesentlichen sind es sieben Bausteine, die Beteiligung gelingen lassen:
  1. Die Aufgabe schärfen: Präzise Abstimmung. Es braucht von Beginn an Klarheit über Zielgruppen und Akteure, über Aufgaben und Fragestellungen, über Zuständigkeiten, Abläufe und Regeln
  2. Auf die Haltung kommt es an: Ernsthaftigkeit, Wertschätzung und echtes Interesse am gemeinsamen Ergebnis. Die Werte und Sichtweisen der anderen sind genauso berechtigt wie die Eigenen, gegenseitiges Zuhören gehört zum 1x1 der Beteiligung. Der Weg ist Teil des Ziels und fördert Verständnis und Vertrauen.
  3. Um Emotionen und Beziehungen kümmern: Mit Begeisterung ans Werk, statt mit Angst. Eine Atmosphäre für ein positives Miteinander schaffen, das löst viele Konfrontationen von Beginn an. Konflikte als Chance begreifen, Mut beim Umgang mit Wut, Verzicht und Scheitern. Konsens herstellen ist eine Leistung – feiern wir die Ergebnisse!
  4. Die Zeit im Blick haben: Zeit und Geduld investieren. Den richtigen, möglichst frühen Zeitpunkt finden. Schlüssige und transparente Zeitabläufe festlegen. Kurze, kompakte Formate finden und unterschiedlich zeitintensive Formen anbieten.
  5. Die richtigen Formate benutzen: Weg von der Turnhallenschlacht, vom „Wir da vorne, ihr da unten“. Dorthin gehen, wo die Menschen sind. Neue Räume nutzen, spannende Methoden, die auch Spaß machen dürfen. Zeichnen und bauen, essen und trinken und dabei gemeinsam in die Aufgabe eintauchen.
  6. Informiertheit sicherstellen: Ein einheitlicher Informationsstand ist Basis für den konstruktiven Diskurs. Sonst beruht das Ergebnis mehr auf Zufall und Partikularinteressen als auf einem ernsthaften Aushandlungsprozess. Alle Perspektiven und Bedürfnisse, Inhalte und Hintergründe müssen offen und gut verständlich auf den Tisch.
  7. Die richtige Sprache sprechen: Es braucht Profis, die die Werkzeuge kennen, Beteiligungsprozesse strategisch planen und professionell aufziehen. Keep it simple, aber professionell: Den Prozess gut erklären und auffällig und lautstark vermarkten.
Wenn Menschen mit diesen sieben Schritten an der Zukunftsgestaltung beteiligt werden, das Engagement mit dem eigenen Ort gestärkt und interdisziplinär geplant wird, kann in Dörfern und Städten abseits der attraktiven Ballungszentren wieder ein gutes Leben entstehen. Dieses ist geprägt durch inspirierende Begegnungen, bunte Nutzungen, lebendige Urbanität, kurze Wege und natürlich auch durch schöne Räume. „Endlich treffen wir uns wieder am Dorfplatz und nicht mehr nur auf dem Friedhof“, so eine ältere Dame in einem reaktiveren Dorfzentrum. Ruralität und Urbanität sind an diesem Ort zu einer neuen vernetzten Ländlichkeit verschmolzen.
Roland Gruber, nonconform
Seite 12 Roland_Gruber(c)Sandra_Matanovic
© Sandra Matanovic

Studium Architektur und Kulturmanagement; Mitgründer und Geschäftsführer von nonconform, einem internationalen Büro mit Schwerpunkt Architektur und Zukunftsraumentwicklung; Mitgründer von mehreren Initiativen und Organisationen u.a. Leerstandskonferenz, LandLuft, Zukunftsorte, Denk.Raum.Fresach, RURASMUS; Seit 2021 ist er auch Vizebürgermeister der Gemeinde Moosburg in Kärnten.