Unternehmensnachfolge in der Krise

Die Zahlen klingen dramatisch: Nach Schätzungen der staatlichen Förderbank KfW suchen allein im laufenden Jahr 2021 mehr als 75.000 Inhaber kleiner und
mittelständischer Unternehmen einen Nachfolger – oft ohne Erfolg.
Schon immer fiel es Unternehmern, die sich eigentlich aus Alters-, gesundheitlichen oder anderen Gründen zurückziehen sollten, schwer, ihre Firma in andere Hände zu übergeben. Die Corona-Pandemie verschärft diese Entwicklung. In der aktuellen Krise verschieben viele Seniorchefs die längst anstehende Entscheidung auf später – hinein in eine ungewisse Zukunft.
Experten sprechen vom „Krisenreflex“: Gerade in kleineren inhabergeführten Familienbetrieben glaube der Alteigentümer oft, nur er könne – aufgrund seiner jahrzehntelangen Erfahrung, seiner Kontakte und seiner unternehmerischen Autorität – das Unternehmen durch die Krise lenken und die ohnehin verunsicherte Belegschaft bei der Stange halten. Dieses Phänomen spiegelt auch der DIHK-Report „Unternehmensnachfolge 2020“ wider: Danach ist zwischen März und Oktober 2020 bei beinahe drei von vier IHKs die Zahl der Beratungen zur Unternehmensnachfolge gesunken – bisweilen sogar stark.
Nicht selten aber wirkt das Kleben am Chefsessel wie ein Katalysator – und beschleunigt den wirtschaftlichen Niedergang des Unternehmens. Denn ein bloßes „Weiter so!“ reicht bei einer disruptiven Wirtschaftskrise, wie die Corona-Pandemie sie darstellt, bei weitem nicht aus. Vielmehr verlangt der Ernst der Lage nach einem radikalen Hinterfragen von Strategie und operativer Tätigkeit. Dazu aber sind etliche Alteigentümer nicht willens – oder nicht (mehr) fähig. Die Übergabe des Unternehmens an einen geeigneten und motivierten Nachfolger aus der eigenen Familie oder der Verkauf an einen externen Dritten sind dann die letzten beiden Optionen, um die Firma vor einem drohenden Ruin zu retten. Dabei fürchten Unternehmer oft, bei einem Verkauf ihrer Firma in Zeiten der Krise nur einen unangemessen niedrigen Verkaufspreis erzielen zu können. Schließlich basieren manche Verfahren zur Ermittlung des Unternehmenswertes auf dem Umsatz oder der Ertragskraft (EBIT). Weniger Geschäft im Krisenjahr bedeutet dann automatisch einen niedrigeren Verkaufspreis. Doch beim Schielen auf die bloßen Zahlen droht Entscheidendes aus dem Blick zu geraten: nämlich die Zukunftsfähigkeit des Geschäftsmodells. Hat sich das Unternehmen in der Vergangenheit etwa in seiner Branche, seiner Region oder gegenüber seiner Konkurrenz ein Alleinstellungsmerkmal erarbeitet, braucht der Verkäufer kaum zu fürchten, vom Käufer übervorteilt zu werden. Marktstärke schlägt sich immer auch im Verkaufspreis nieder. Umgekehrt gilt natürlich auch: Unternehmen ohne Strategie oder Ertragsmodell für die
Zukunft sind in der Krise nicht einmal mehr Apfel und Ei wert. Solvente Käufer für ein solide aufgestelltes Unternehmen zu finden, ist trotz Pandemie nicht schwer. Zwar wollen sich immer weniger Menschen als Unternehmer selbstständig machen und Geld in den Kauf einer Firma investieren. Doch die Zahl der strategischen oder Finanzinvestoren und Beteiligungsgesellschaften, die auf der Suche nach Übernahmezielen sind, steigt stetig – und ihre „Kriegskassen“ sind prall gefüllt. Eines sollten Unternehmer, die ihre Firmen verkaufen wollen, wissen: Gerade in unsicheren Zeiten sichern immer mehr Käufer ihre Akquisition durch kreative Kaufpreisgestaltungen ab. Verkäuferdarlehen, bei denen der Alteigentümer die Kaufsumme über einen Kredit mitfinanziert, sind mittlerweile ebenso üblich wie so genannte Earn-Out-Vereinbarungen, bei denen Teile des vereinbarten Kaufpreises nur dann bezahlt werden, wenn sich das Unternehmen wirtschaftlich auch tatsächlich so entwickelt wie geplant.
Christian Preiser

In sechs Schritten zur Nachfolge

  1. Wirtschaftliche Analyse: Bewerten Sie den Ist-Zustand Ihres Unternehmens, so nüchtern und sachlich wie möglich. Wie sind Sie bislang durch die Krise gekommen, wie sind Sie am Markt positioniert – bei Ihren Lieferanten und Kunden, aber auch gegenüber Ihrer Konkurrenz? Wie zukunftsfähig ist Ihr Geschäftsmodell? Rechnen Sie sich Ihre Situation nicht schön – lassen Sie sich von Ihrem Steuerberater die nackten Zahlen und Fakten geben.
  2. Selbstanalyse: Sie haben das Unternehmen gegründet und/oder weiterentwickelt. Da fällt der Gedanke an den Abschied schwer. Warum glauben Sie, dass es ohne Sie nicht geht? Sind Sie bereit loszulassen – und haben Sie bereits Pläne für das „Leben danach“? Sprechen Sie erst mit Ihrer Familie und Ihren engsten Vertrauten über mögliche Nachfolgeszenarien, bevor Sie die Belegschaft, Kunden und Lieferanten unterrichten.
  3. Nachfolger I: Haben Sie nahe Verwandte (eigene Kinder/Neffen/Nichten), die in Ihre Fußstapfen treten und die Firmenleitung übernehmen könnten? Sind Ihre potenziellen Nachfolger für diesen Schritt fachlich qualifiziert und persönlich geeignet/motiviert? Nehmen Sie für diese Beurteilung gegebenenfalls professionelle Beratung in Anspruch.
  4. Nachfolger II: Wenn die Weitergabe innerhalb der Familie nicht möglich ist oder als nicht sinnvoll erscheint, prüfen Sie den Verkauf an externe Dritte. Sprechen Sie mit Ihren leitenden Angestellten (Fremdgeschäftsführer/Prokuristen), ob Interesse an einem Einstieg (Management-Buy-In) besteht. Denkbar ist aber auch der Verkauf an Außenstehende, etwa an professionelle Investoren, Beteiligungsgesellschaften – oder auch an Wettbewerber, die dadurch den Markt konsolidieren.      
  5. Kaufpreisfindung: Informieren Sie sich bei Ihrem Steuerberater und Rechtsanwalt über die verschiedenen Verfahren zur Unternehmensbewertung. Nicht alle Methoden eignen sich für alle Branchen und Unternehmensgrößen gleichermaßen. Werden Sie sich darüber klar, was Ihnen besonders wichtig ist: die Transaktionssicherheit (dass es tatsächlich zum Verkauf kommt) oder die Kaufpreismaximierung (mit dem Risiko, dass der Käufer in letzter Sekunde doch noch abspringt).
  6. Vertrag und Abschluss: Holen Sie sich für die Verhandlungen und das Aufsetzen des Verkaufsvertrags unbedingt fachkundigen Rat von qualifizierten Experten. Nicht immer besitzen Ihr langjähriger Steuerberater und Ihr alteingesessener Rechtsanwalt die dafür nötige Kompetenz und Expertise. Gehen Sie offen und mit grundsätzlichem Vertrauen, aber nicht blauäugig in die Verkaufsverhandlungen – und behandeln Sie Ihr Gegenüber mit derselben Fairness und Verbindlichkeit, die Sie von ihm erwarten. Lassen Sie sich nicht hetzen, aber trödeln Sie auch nicht.

Christian Preiser