Wachsende Risiken bedrohen die Erholung der Konjunktur

Die Wirtschaftserholung droht, im Keim zu ersticken. Das geht aus der aktuellen Konjunkturumfrage der SIHK hervor. Vor allem steigende Energie- und Rohstoffpreise beeinträchtigen die Geschäftsaussichten der Unternehmen in der Industrieregion Märkisches Südwestfalen.
Für fast drei Viertel der Betriebe und damit für so viele wie noch nie zuvor sind diese die größte Bedrohung. Bei der Gewinnung von Fachkräften meldet weit mehr als die Hälfte massive Probleme. Die aktuelle Situation der Unternehmen ist gekennzeichnet durch eine im Durchschnitt gute Geschäftslage und verhaltene Zukunftserwartungen. Der Geschäftsklimaindex der SIHK ist von 114 Punkten im April auf 122 Punkte gestiegen. Nach 39 Prozent im April dieses Jahres berichten 46 Prozent der Betriebe von aktuell erfreulichen Geschäften. Im Juni 2020 lag der Anteil der positiven Antworten noch bei elf Prozent. Seitdem hat er sich kontinuierlich gesteigert. Ähnliches gilt für die Auslastung der Betriebe. Hier steigerte sich der Anteil der positiven Auskünfte in den vergangenen Monaten von 22 Prozent (September 2020) auf jetzt 55 Prozent.
Viele Betriebe haben große Probleme, ihren Rohstoffbedarf zu decken. Die Preissteigerungen sind immens. Hinzu kommen die Sorgen um die Entwicklung der Energiekosten. Hier gegenzusteuern, ist eine der zentralen Aufgaben der neuen Bundesregierung.

SIHK-Präsident Ralf Stoffels


Unternehmen blicken verhalten in die Zukunft
Doch wäre das Bild unvollständig ohne die Zukunftserwartungen der Unternehmerinnen und Unternehmer. Diese fallen eher verhalten aus: Bessere Geschäfte erwartet nur ein Viertel, 60 Prozent gehen von einer Stagnation aus. Gründe dafür sind vor allem die dramatisch gestiegenen Energie- und Rohstoffpreise (71 Prozent) und der sich zuspitzende Fachkräftemangel (53 Prozent). Schon jetzt können 57 Prozent der Unternehmen offene Stellen längerfristig nicht besetzen. Die Folge für die Betriebe sind steigende Arbeitskosten, Folge für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine Mehrbelastung durch Arbeitsverdichtung.
Bei den Exporten erwarten die Unternehmen wenig Bewegung: Mittlerweile gehen 68 Prozent der Betriebe von gleichbleibenden Auslandsgeschäften aus. Nur noch 20 Prozent rechnen mit mehr Exporten, im Vorjahr lag dieser Wert noch bei 54 Prozent. Der traditionelle Konjunkturtreiber Export lahmt. Als Gründe nennen befragte Unternehmen die aktuelle Corona- und Hochwasserkrise, zerrissene Lieferketten, Probleme beim Kauf von Vorprodukten und mangelnde Kapazitäten beim weltweiten Transport. Die Investitionsneigung steigt: Nach 32 Prozent im April planen im Herbst 43 Prozent der Unternehmen mit höheren Investitionen. Auf Platz eins der Hauptmotive liegen mit 66 Prozent die Ersatzinvestitionen, 43 Prozent wollen in Rationalisierungen investieren. Die Motive Erweiterung und Umweltschutz nehmen kontinuierlich an Bedeutung zu.
Konjunktur
Industrie
Bei den Industriebetrieben, die unsere Region so stark prägen und mit denen die gesamte Wirtschaft so eng verknüpft ist, stechen vor allem zwei Werte heraus. Erstens springt ins Auge, dass 85 Prozent der Industriebetriebe die Energie- und Rohstoffpreise als das größte Risiko für die wirtschaftliche Entwicklung ihres Unternehmens ansehen. Das sind noch einmal 14 Prozentpunkte mehr als im Gesamtdurchschnitt. Steigende Energie- und Rohstoffpreise sind damit für die regionale Wirtschaft das Entwicklungsrisiko schlechthin. Zweitens weist die Industrie im Vergleich mit Handel und Dienstleistung den stärksten Zuwachs bei den Beschäftigungsplänen aus. 60 Prozent der Industriebetriebe haben längerfristig Probleme, Stellen zu besetzen. Dem wollen die Betriebe mit mehr Ausbildung (59 Prozent) und Weiterbildung (43 Prozent) begegnen.
Handel
Von 37 Prozent im April dieses Jahres auf aktuell 50 Prozent ist beim Handel der Anteil der Betriebe mit guter Geschäftslage gestiegen. Dieser Wert liegt deutlich über dem der Gesamtwirtschaft (46 Prozent). Die Differenzierung in Großhandel (58 Prozent) und Einzelhandel (41 Prozent) zeigt, wie dramatisch letzterer von der Corona-Pandemie ausgebremst worden ist. 39 Prozent der Einzelhändler berichten von schwindendem Eigenkapital (Branchendurchschnitt: 14 Prozent). Fast die Hälfte bezeichnet ihre Finanzlage als problematisch. Im Durchschnitt aller Unternehmen liegt der Wert bei 28 Prozent. Neben Corona spielte hier auch die Hochwasserkatastrophe eine Rolle.
Dienstleistung
Bei den Dienstleistungen fällt eine extreme Spreizung zwischen den unternehmensbezogenen und den personenbezogenen Dienstleistern auf, die ebenfalls der Pandemie zuzurechnen sein dürfte: Erstere haben zu 55 Prozent eine gute und zu sechs Prozent eine schlechte Geschäftslage. Bei Letzteren stehen 29 Prozent „gut“ 30 Prozent „schlecht“ gegenüber. Das bedeutet für die unternehmensbezogenen Dienstleister einen Saldo aus guter und schlechter Geschäftslage von plus 49 und für die personenbezogenen Dienstleister einen von minus eins. Betrachtet man allerdings die Entwicklung seit der letzten Umfrage, wird deutlich, aus was für einem Tief die Branche kommt. Im April hatten lediglich zwei Prozent der personenbezogenen Dienstleister eine gute Geschäftslage. Dieser Wert ist also fast um den Faktor fünfzehn gewachsen.
Die SIHK-Herbstumfrage hat in der Zeit von 30. August bis zum 19. September stattgefunden. Teilgenommen haben 451 Betriebe, deren Angaben nach Betriebsgrößenklassen gewichtet worden sind. Insgesamt führt die SIHK jährlich drei Konjunkturumfragen durch. (Fb)
Viele betroffene Unternehmen kämpfen um ihre Existenz
Vor allem für die branchenübergreifenden Durchschnittswerte „aktuelle Geschäftslage“ (46 Prozent: „gut“) und Geschäftsklimaindex (122 Punkte) ist zu konstatieren, dass die Umfragewerte von Unternehmen geprägt sind, die sowohl Corona als auch das Jahrhunderthochwasser überstanden haben. Viele andere kämpfen nach wie vor mit der Krise oder sind vom Markt verschwunden, so dass das Bild verzerrt sein dürfte. Viele Unternehmerinnen und Unternehmer sind durch das Hochwasser vom Juli massiv geschädigt worden. Sie haben zum Teil ihre gesamte Existenz verloren. Besonders tragisch ist die Situation etwa bei Hotels und Gastronomiebetrieben, die nach monatelangen coronabedingten Schließungen und Einschränkungen auf ein Durchstarten zum Herbst hin gehofft haben, und deren Hoffnungen jetzt von der Jahrhundertflut weggespült worden sind. Aber auch an Geschäfte in Einkaufsgalerien ist zu denken. Um die Betroffenen zu unterstützen, hat die SIHK vom ersten Tag an die Fluthilfe mit nach vorne gebracht, in zahlreichen Vor-Ort-Gesprächen und Telefonaten Wege aus der Misere gesucht und sich im Rahmen der Antragstellung zur Aufbauhilfe 2021 engagiert. Damit die Hilfen möglichst schnell und unbürokratisch ausgezahlt werden können. (Fb)
Den Konjunkturbericht sowie Infos zur Teilnahme an zukünftigen Umfragen mit Ansprechpartnern finden Sie unter: www.sihk.de/konjunktur