Digitale Barrierefreiheit: Richtline betrifft auch private Anbieter

Die neue EU-Richtlinie 2019/882 über die Barrierefreiheitsanforderungen für Produkte und Dienstleistungen (European Accessibility Act – EAA) ist bisher überwiegend durch das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz in deutsches Recht umgesetzt worden. Damit werden erstmalig auch private Anbieter zur digitalen Barrierefreiheit verpflichtet.
Dies gilt für bestimmte Produkte, wie einige Typen von Selbstbedienungsterminals, eBook-Lesegeräte und Verbraucherendgeräte mit interaktivem Leistungsumfang. Beispiele hierfür sind  der Zugang zu Telekommunikationsdiensten und multimedialem wie etwa Smart-
phones, Spielekonsolen, Smart-TVs oder Streaming-Sticks, aber auch Dienstleistungen von Personenbeförderungsdiensten, die per App und Webseiten angeboten werden oder Bankdienstleistungen und Dienstleistungen in elektronischen Geschäftsverkehr (zum Beispiel Online-Shops). „Auch wenn einige Umsetzungsfristen noch lang erscheinen, sollten die Anforderungen frühzeitig bei der Entwicklung berücksichtigt werden, um Kosten für verspätete Anpassungen des Designs oder der entsprechenden Prozesse zu vermeiden“, rät SIHK-Inklusionsberater Christian  Münch, denn alle im Gesetz genannten Produkte, die nach dem 28. Juni 2025 in den Verkehr gebracht werden beziehungsweise genannte Dienstleistungen, die nach diesem Stichtag für Verbraucher erbracht werden, müssen die Anforderungen der Barrierefreiheit erfüllen.
Wahrnehmbarkeit, Bedienbarkeit, Verständlichkeit und Robustheit
Barrierefreiheit ist dabei keine rein technische Anforderung an Web-Angebote, digitale Anwendungen und Dokumente. Anforderungen der Barrierefreiheit besitzen häufig Schnittpunkte und Anknüpfungspunkte zu Standards der Ergonomie und Usability, die Entwicklern meist geläufiger sind. Sie beziehen sich neben der Technik auch auf Design und Inhalt der Web-Angebote. Die vier Grundprinzipien für barrierefreie Webdesigns sind Wahrnehmbarkeit, Bedienbarkeit, Verständlichkeit und Robustheit. Christian Münch erklärt: „Technisch muss beispielsweise ein barrierefrei bereitgestelltes Video beziehungsweise der dazugehörige Player tastaturbedienbar sein, mit Hilfsmitteln bedienbar sein und unter anderem auch Untertitel besitzen. Aber auch das Design spielt eine wichtige Rolle: Sind die Untertitel kontrastreich genug um gut erkannt zu werden? Ist die Playerbedienung verständlich? Die inhaltlichen Anforderungen an ein Video beginnen möglicherweise zum Beispiel bei einer Produktanleitung bereits bei der verständlichen Gestaltung des Drehbuchs. Welche Unterstützungsangebote gibt es für die Umsetzung der digitalen Barrierefreiheit in meinem Unternehmen?“
Überprüfungstool ‚HTML-Validator‘, Schulungen und Informationen
Wichtig bei der Umsetzung der neuen Barrierefreiheitsanforderungen an Produkte und Dienstleistungen sei es, sich zunächst einen Überblick zu verschaffen und die Rahmenbedingungen zu schaffen, die die Anpassung der Strukturen und Prozesse ermöglichen. Dazu sollte das Web-Angebot die gängigen Webstandards des World Wide Web-Consortiums (W3C) für die verwendeten Technologien wie HTML korrekt anwenden. Hierzu stellt das W3C unter anderem einen HTML-Validator zur Verfügung. Um Mitarbeitenden in Unternehmen zu ermöglichen die entsprechenden Kompetenzen zum Thema digitale Barrierefreiheit aufzubauen, wird im Projekt „Teilhabe 4.0“ ein Schulungs- und Informationsangebot entwickelt. Vorgestellt wurde das Projekt im Rahmen der diesjährigen Digitalwoche der SIHK. (Mü)■