Katastrophe für Märkisches Südwestfalen

Vollsperrung der A 45

Das ganze Ausmaß der Schädigung der Rahmedetalbrücke, die zur Vollsperrung der Autobahn 45 bei Lüdenscheid führte, wird erst nach und nach klar. Die Brücke sei „in einem sehr labilen Zustand“, wich Elfriede Sauerwein-Braksiek, Direktorin der Autobahn GmbH Westfalen, bei einem Pressetermin auf die Frage aus, ob Einsturzgefahr bestanden habe. „Je nachdem, wie sie weiter befahren worden wäre, wäre Gefahr in Verzug gewesen.“
„Die Zukunft des Wirtschafts- und Industriestandorts Südwestfalen hängt entscheidend davon ab, wie schnell der Neubau der Rahmede-Brücke gelingt. Jeder Tag, an dem der Personen- und Güterverkehr nicht reibungslos über die Lebensader A 45 laufen kann, richtet einen enormen volkswirtschaftlichen Schaden in NRWs stärkster Industrieregion an und belastet die Menschen erheblich. Was beim Tesla-Werk in Brandenburg und beim Brückenneubau nach der Katastrophe in Genua möglich war, muss jetzt auch in Nordrhein-Westfalen gelingen: Wir fordern einen Neubau der Rahmede-Brücke in zwei Jahren! Das ist aus Sicht der regionalen Wirtschaft der Maßstab, an dem sich die neue Ampelkoalition in Berlin und die Landesregierung messen lassen müssen. Ich erwarte, dass diese gewaltige Herausforderung in einem ‚Bündnis für Beschleunigung‘ unter Federführung des Landes in Angriff genommen wird“, betont SIHK-Präsident Ralf Stoffels.
SIHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Ralf Geruschkat ergänzt: „Die Vollsperrung der A 45 für rund drei bis vier Monate ist eine Hiobsbotschaft für den Wirtschaftsstandort Südwestfalen. Selbst wenn anschließend wieder Pkws über die Rahmede-Brücke rollen können, bleibt ein Lkw-Verbot auf der A 45 bei Lüdenscheid eine immense Herausforderung für den stärksten Industriestandort NRWs. Das dichte regionale Wertschöpfungsnetz ist zwingend auf reibungslose Verkehre angewiesen. Jetzt müssen alle Kräfte mobilisiert werden, um Planungs- und Baukapazitäten zu bündeln und Planungs- sowie Genehmigungsverfahren zu beschleunigen.“
Für den Neubau der kaputten Talbrücke Rahmede bei Lüdenscheid gibt es seit Mitte Dezember einen ersten vorsichtigen Zeitrahmen. „Wenn es nach mir geht, sollte die neue Brücke in fünf Jahren stehen“, sagte Elfriede Sauerwein-Braksiek. Dazu müssten aber planungsrechtliche Hindernisse aus dem Weg geräumt werden, um Zeit zu gewinnen, wie sie bei einem Spitzentreffen in Lüdenscheid betonte. NRW-Verkehrsministerin Ina Brandes, konkretisierte die Pläne. Weil der Ersatzneubau beschleunigt werden müsse, setze sich das Land beim Bund dafür ein, „dass zukünftig solche reinen Ersatzbauwerke ohne Umweltverträglichkeitsprüfung und erneute Planfeststellung realisiert werden. Damit sind wir Jahre schneller.“
Die gesperrte Brücke soll in drei Monaten zumindest für den Pkw-Verkehr wieder geöffnet werden. Dazu wird derzeit an einer Notverstärkung der Konstruktion gearbeitet, nachdem bei Kontrollen Verformungen des Tragwerks entdeckt worden waren. Um zu verhindern, dass schwere Lastwagen auf die Brücke zwischen Lüdenscheid und Lüdenscheid-Nord fahren, wird derzeit parallel an einer Schrankenanlage für den Schwerlastverkehr gearbeitet. (Mar)■

Hintergrund

  • Die Talbrücke Rahmede liegt zwischen Lüdenscheid-Nord und Lüdenscheid und führt die A 45 über den Bach Rahmede sowie die Altenaer Straße (L530), die Lüdenscheid mit Altena verbindet.
  • Die Talbrücke wurde zwischen 1965 und 1968 erbaut.
  • Die Brücke besteht aus einem einteiligen Überbau für die Fahrbahnen in Richtung Frankfurt und in Richtung Dortmund. Der Überbau ist 31,25 Meter breit.
  • Das Bauwerk ist 453 Meter lang und wird von fünf mal zwei Stützen getragen. Die Stützweiten liegen zwischen 54 und 104 Metern (in der Mitte).
  • Auf den filigranen Pfeilern, die bis zu 70 Meter hoch sind, liegt eine Stahlkonstruktion, die Fahrbahnplatte trägt.
  • Die Brücke wurde mit einer Verkehrsprognose geplant, die von 25.000 Fahrzeuge im Jahr 1980 ausging. Inzwischen ist die Belastung auf 64.000 Fahrzeuge angestiegen, davon 13.000 Lkw. (red)■

NRW-Ministerpräsident Wüst direkt von der SIHK angeschrieben

In einem offenen Brief hat sich die SIHK unmittelbar nach der Vollsperrung der A 45 an NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst gewandt, um auf die katastrophalen wirtschaftlichen Folgen im Märkischen Südwestfalen hinzuweisen. Die drei Kernforderungen lauteten:
  • Die Landesregierung muss jetzt die Verkehrsinfrastruktur von NRWs stärkster Industrieregion in den Fokus nehmen und die Bündelung aller Kräfte veranlassen, um die Probleme an der A 45 bei Lüdenscheid so schnell und unbürokratisch wie möglich zu beheben.
  • Dazu ist aus unserer Sicht eine weitere Koordinierung und Abstimmung der Baulastträger – mindestens von Autobahn GmbH und Straßen NRW – erforderlich.
  • Neben der akuten Situation an der
A 45 gibt es zu viele weitere Einschränkungen in der Verkehrsinfrastruktur im Märkischen Südwest-falen. Es braucht eine umfassende Infrastruktur-Offensive, die den Ausbau, die Modernisierung und die Beseitigung von Verkehrsengpässen bei allen Verkehrsträgern schnell und unbürokratisch vorantreibt. Ansonsten befürchten wir eine dauerhafte Schwächung der Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandortes Südwestfalen und der Handelsstandorte in der Region. (Mar)■

Gemeinsame Erklärung: NRWs stärkste Industrieregion ist auf A 45 elementar angewiesen

In einer gemeinsamen Erklärung haben die SIHK zu Hagen, der Märkische Arbeitgeberverband e.V. und der Arbeitgeberverband Lüdenscheid e.V., der Deutsche Gewerkschaftsbund Region Ruhr-Mark, die Kreishandwerkerschaften Märkischer Kreis und Hagen, der Deutscher Hotel- und Gaststättenverband Westfalen e.V. und der Sauerland-Tourismus e.V. verdeutlicht,  dass mit der Vollsperrung der A 45 bei Lüdenscheid der Lebens- und Wirtschaftsrythmus der immer noch vom Hochwasser geschädigten Wirtschaftsregion Südwestfalen maßgeblich aus dem Takt gerät.
Wörtlich heißt es unter anderem: „Ein Fundament Südwestfalens als stärkste Industrieregion NRWs ist der interregionale Straßengüterverkehr, für den die alte Rahmede-Brücke dauerhaft gesperrt sein wird. Das dichte regionale Wertschöpfungsnetz insbesondere der Industrie Südwestfalens hängt jedoch existenziell am reibungslosen Verkehr auf der A 45, wenn Werkstoffe und Materialien in verschiedenen Fertigungsstufen bspw. zwischen Hagen, Lüdenscheid, Werdohl oder Plettenberg mehrfach täglich in Pendelfahrten transportiert werden.“
Und eine Kernforderung lautet: „Die Politik muss mit höchster Priorität alle Voraussetzungen für einen schnellen Neubau der Rahmede-Brücke auf der
A 45 bei Lüdenscheid schaffen. Der Ersatz eines bestehenden Bauwerks darf nicht unter das übliche Genehmigungs- und Planungsregime inkl. Beschaffungsvorgaben, Umweltverträglichkeitsprüfungen und Planfeststellung fallen. Es muss ein neuer Rechts-, Genehmigungs- und Planungsrahmen in Kraft gesetzt werden, der einen schnellen Neubau der Rahmede-Brücke sicherstellt.“ (Mar)

Blitzumfrage: Jedes zweite Unternehmen meldet Umsatzrückgänge wegen A 45–Sperrung

Die Ergebnisse einer SIHK-Blitz-Umfrage zeigen die immensen Auswirkungen der A 45-Sperrung auf NRWs stärkste Industrieregion: Jedes zweite Unternehmen berichtet aktuell von Umsatzrückgängen wegen der Sperrung. 75 Prozent der Unternehmen melden deutlich längere Anfahrtszeiten für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Zwei von drei Unternehmen berichten von gestörten Lieferketten und jedes dritte Unternehmen benötigt mehr Fahrzeuge und Fahrer für Gütertransporte. Alarmierende 16 Prozent der Unternehmen befürchten drohende Produktionsausfälle beispielsweise aufgrund der mangelnden Verfügbarkeit und schlechter Anlieferungsmöglichkeiten von Rohstoffen.
Selbst wenn es gelingt, die Rahmede-Brücke in einigen Monaten wieder für PKWs freizugeben, hätte eine langfristige Sperrung für LKWs weiterhin Auswirkungen auf die Wirtschaft. Jeweils um die 15 Prozent der regionalen Unternehmen befürchten Liquiditätsengpässe bzw. einen Eigenkapitalrückgang, etwa drei Prozent der Unternehmen können eine drohende Insolvenz nicht ausschließen.
„Die Sperrung und langfristige Einschränkung der A 45 als ‚Lebensader‘ der Region, bringt die Wirtschaft aus dem Takt. Die Erreichbarkeit der eng vernetzten Betriebe ist enorm eingeschränkt, Betriebe fürchten, Fachkräfte zu verlieren und Lieferverkehre können nicht mehr zuverlässig stattfinden. Die volkswirtschaftlichen Schäden sind enorm! Region, Land und Bund müssen jetzt alle Kräfte bündeln und alle gesetzlichen Möglichkeiten nutzen, um den Neubau der Rahmede-Brücke in Rekordzeit zu bewältigen“, fasst SIHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Ralf Geruschkat die Umfrage zusammen.
An der SIHK-Umfrage haben sich vom 9. bis zum 14. Dezember 466 Unternehmen aus Industrie, Handel und Dienstleistungen im Märkischen Kreis, Hagen und dem südlichen Ennepe-Ruhr-Kreis beteiligt. (red) ■
4. Januar 2022