Sachverständigenwesen

„Gutachten-App“ ohne persönliche Inaugenscheinnahme gerichtlich verboten

Ein verurteiltes Unternehmen warb bei Werkstätten für seine „Kfz-Unfallgutachter-App“ bzw. „Gutachter-vor-Ort-App“, mit deren Hilfe ein Schadensgutachten erstellt werden konnte.
Hierfür sollten die Werkstätten und das verurteilte Unternehmen arbeitsteilig vorgehen, wobei sich die Rolle der Werkstätten bzw. ihrer Mitarbeiter auf die Schadenaufnahme beschränken würde. Aufgabe der Mitarbeiter der Werkstätten war es, über die App die Schäden durch Fotos, Videos und Beschreibungen zu dokumentieren. Diese Dokumentation wurde durch die App an das verurteilte Unternehmen übermittelt und diente diesem, als Datenlage für die Erstellung des Gutachtens. Das von dem verurteilten Unternehmen berechnete Gutachtenhonorar sollte zwischen diesem und der  Werkstatt geteilt werden.
Die Wettbewerbszentrale klagte erfolgreich wegen irreführender Werbung gegen das Unternehmen. Das Landgericht Gießen hat per Versäumnisurteil (Az. 6 O 13/21) die Werbung mit der „Gutachter-vor-Ort“-App verboten, wenn zur Schadensbesichtigung und
-dokumentation kein Sachverständiger persönlich vor Ort anwesend ist. Denn im Sachverständigenwesen gelte der Grundsatz der höchstpersönlichen Leistungserbringung. Demensprechend müsse der Sachverständige das zu begutachtende Fahrzeug persönlich in Augenschein nehmen. Die Inaugenscheinnahme könne nicht in der Weise an Dritte delegiert werden, dass diese die Schadenaufnahme per App tätigen.
Die SIHK zu Hagen ist für die öffentliche Bestellung und Vereidigung von Sachverständigen in wirtschaftlichen und technischen Bereichen zuständig. Durch die öffentliche Bestellung und Vereidigung von Sachverständigen gewährleistet die SIHK zu Hagen, dass Unternehmen, Gerichten, Behörden und Privatpersonen auf geeignete Sachverständige zurückgreifen können, die ihre besondere Sachkunde in ihrem Bestellungsverfahren nachgewiesen haben. Sie werden darauf vereidigt, ihre Sachverständigenleistungen unabhängig, weisungsfrei, persönlich, gewissenhaft und unparteiisch zu erbringen und sind zur Verschwiegenheit verpflichtet.
17.11.2021