Innovation und Umwelt

Krisen erhöhen psychische Verwundbarkeit

Corona belastet auch die Psyche. Nach Angaben der DAK ist die Zahl der psychischen Erkrankungen während der Pandemie deutlich gestiegen. Für Dr. David Beck von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin kommt den Betrieben in dieser Situation eine wachsende Verantwortung zu. Er weist auf die Sars-Cov2-Arbeitsschutzregel und die Hilfestellungen der BAuA hin.
Die Bedeutung psychischer Erkrankungen steigt seit langem. Vor 20 Jahren waren sie noch nahezu bedeutungslos. Heute sind psychische Probleme bei Krankschreibungen die zweithäufigste Diagnosegruppe. Nach dem DAK-Gesundheitsreport 2020 gingen 2019 in NRW 18,3 Prozent der AU-Tage auf das Konto psychischer Störungen. Nur Muskel-Skelett-Probleme (Stichwort „Rücken“) lagen mit 20,9 Prozent noch darüber. Es spricht einiges dafür, dass dieser dramatische Zuwachs auf Langzeit-Faktoren wie die zunehmende Arbeitsverdichtung und Flexibilität, die wachsende digitale Informationsflut und den Trend zur permanenten Erreichbarkeit zurückzuführen ist.
Verschärfend kommt hinzu, dass psychische Erkrankungen für den klassischen Arbeitsschützer nach wie vor ungewohntes Terrain sind, dem er sich mit Zagheit nähert. Zumal derlei Erkrankungen auch noch insofern tückisch sind, als sie oft lange latent bleiben. Latent für Vorgesetzte, Kolleginnen und Kollegen, mitunter sogar für die Betroffenen selbst. Ganz anders als die körperlichen Probleme von Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die „traditionell“ im Betrieb auftreten und sich meistens recht unverhohlen äußern.
Vor diesem Hintergrund hat der Gesetzgeber schon 2013 § 5 Abs. 3 des Arbeitsschutzgesetzes, in dem es um die Ursachen geht, aus denen sich Gefährdungen „insbesondere ergeben“ können, als Punkt 6 „psychische Belastungen bei der Arbeit“ eingefügt. Eine explizite Erinnerung daran, nicht nur den Körper systematisch in den Blick zu nehmen, sondern auch das Gefühlsleben und Denken der Beschäftigten, Phänomene wie Depressivität, Ängstlichkeit, Schlafstörungen, Stress, Wut, Aggressivität oder Sucht. Wobei natürlich schon seit 1996, also seit der Einführung der Pflicht zur Gefährdungsbeurteilung, an eine ganzheitliche Betrachtung gedacht war.
Zahl der Erkrankungen während Pandemie deutlich zugenommen
Im ersten Halbjahr 2020, also in den ersten Monaten der Corona-Pandemie, hat sich diese Entwicklung noch einmal zugespitzt: Die Zahl der Fehltage durch psychische Erkrankungen ist (laut DAK) im Vergleich zum ersten Halbjahr 2019 um weitere zwei Prozent gestiegen, während die durch Muskel-Skelett-Probleme um drei Prozent zurückgegangen sind. Nach einer Studie des Versicherungskonzerns Axa hatte sich im Juni 2020 (Befragungszeitraum) bei einem Drittel der Deutschen die psychische Verfassung verschlechtert, ein Viertel der Deutschen hatte das Gefühl, die Kontrolle über das eigene Leben verloren zu haben.
Die Pandemie führt auch in der Arbeitswelt vielerorts zu Erschwernissen und Belastungen der Beschäftigten, die mit psychosozialen Risiken für die Gesundheit verbunden sein können. Dr. David Beck von der BAuA-Fachgruppe „Psychische Belastungen“ nennt Beispiele:
  • Einschränkungen der Kommunikation und Kooperation bei der Arbeit, zum Beispiel infolge der Umstellung von persönlicher Kommunikation auf Telefon- und Videokonferenzen.
  • Erschwernisse der Arbeit mit Kunden, Klienten, Schülern, Studierenden oder Kitakindern durch Infektionsschutzmaßnahmen, wie etwa Abstandsgebote oder das Tragen von Mund-Nasen-Bedeckung.
  • Erschwernisse durch die Arbeit im Homeoffice, beispielsweise infolge eingeschränkter technischer Infrastruktur, eingeschränkter Kommunikation oder fehlender Arbeitsmittel.
  • Belastungen durch stark erhöhtes oder auch stark reduziertes Arbeitsaufkommen infolge der Pandemie.
  • Ängste der Beschäftigten vor einer Infektion im Kontakt mit Kunden, Klienten, Patienten, Schülern oder Kollegen.
  • Finanzielle Einschränkungen und Sorgen aufgrund von Kurzarbeit sowie Ängste vor Arbeitslosigkeit.
  • Zusatzbelastungen durch erhöhte Anforderungen an die Alltagsbewältigung, etwa im Fall der Schließung von Schulen oder Kitas.
Psychologen: „allgemeine und grundlegende Verunsicherung“
Bündelt man die Faktoren, die bei der psychischen Gefährdungsbeurteilung zu berücksichtigen sind, zu „Arbeitsinhalt und Arbeitsaufgabe“, „Arbeitsorganisation“, „soziale Beziehungen“, „Arbeitsumgebung“ und „neue Arbeitsformen“, dann wird deutlich, dass ausnahmslos alle Bereiche betroffen sind. Corona greift an vielen Fronten an. Die BundesPsychotherapeutenKammer stellt die aktuelle Lage in einen größeren Zusammenhang und schreibt in einem Hintergrundpapier: „Gesellschaftliche Krisen hinterlassen Spuren in der Psyche. Eine Pandemie führt zu einer allgemeinen und grundlegenden Verunsicherung […].“
Angesichts der Wucht, Dynamik und mittlerweile auch Präsenz dieses Problems sowie seiner auch strategischen Bedeutung, seiner Zukunftsrelevanz verwundert es, dass die Psyche nach wie vor ein „vergessener Aspekt von COVID-19“ ist, wie Devora Kestel, Direktorin für psychische Gesundheit bei der WHO, klagt.
BAuA unterstützt mit aktuellen und umfangreichen Informationen
Dabei können Betriebe einiges tun, um ihre Beschäftigten in dieser schwierigen Situation zu unterstützen. Es gilt, neben einem guten Infektionsschutz bei der Arbeit auch die psychische Belastung der Beschäftigten mit in den Blick zu nehmen. Beispielsweise ist darauf zu achten, dass bei der Verlagerung von Arbeit ins Homeoffice die Arbeitszeiten begrenzt bleiben und Beschäftigte ausreichend Zugang zu betrieblicher Kommunikation und Information haben. Möglichkeiten zur flexiblen Arbeitszeitgestaltung sollten genutzt werden, um Konflikte mit den erhöhten Anforderungen der Alltagsbewältigung, wie sie sich im Extremfall etwa im Fall der Schließung von Schulen und Kitas stellen, soweit als möglich zu reduzieren. Von hoher Bedeutung ist zudem eine gute Information und Aufklärung über Infektionsrisiken und Schutzmöglichkeiten bei der Arbeit sowie eine unterstützende Führung, die auch den pandemiebedingten Sorgen und Zusatzbelastungen der Beschäftigten Rechnung trägt.
Die Berücksichtigung von Gefährdungen durch psychische Belastungen bei der Arbeit ist sowohl im Arbeitsschutzgesetz (siehe oben) als auch in der Sars-Cov2-Arbeitsschutzregel explizit gefordert. Welche psychosozialen Risiken aus der Corona-Pandemie entstehen können und was Betriebe angesichts dessen konkret tun müssen und beitragen können, um die Gesundheit ihrer Beschäftigten soweit als möglich zu schützen, hat die BAuA in ihren Corona- FAQs kurz und bündig erläutert. Dort finden sich auch Hinweise auf weiterführende Informationen und Handlungshilfen sowie die Sars-Cov2-Arbeitsschutzregel.
Dr. Jens Ferber