Südwestfälische Wirtschaft stabilisiert: Zuversicht wächst mit Belebung auf niedrigem Niveau
(29. Januar 2010) Die Wirtschaft im märkischen Südwestfalen hat sich auf niedrigem Niveau stabilisiert und ist mit Zuversicht in das Jahr 2010 gestartet. Trotz des mit minus fünf Prozent schärfsten bundesweiten Wirtschaftseinbruchs im Jahr 2009 ist die Zahl der Insolvenzen und Arbeitslosen in der Region nicht so stark gestiegen wie vor einem Jahr befürchtet. „Die Geschäftslage wird weiterhin von vielen Betrieben schlecht beurteilt. Es gibt aber deutliche Zeichen einer Belebung und die Erwartungen für die nächsten Monate sind von Zuversicht geprägt", so Hans-Peter Rapp-Frick, Hauptgeschäftsführer der Südwestfälischen Industrie- und Handelskammer zu Hagen (SIHK), gestern (Freitag, 29. Januar) bei der Vorstellung der Ergebnisse der aktuellen Umfrage bei 225 Unternehmen mit über 31.000 Beschäftigten im Kammerbezirk.
Der SIHK-Konjunkturklimaindikator – der die Bewertungen der derzeitigen Lage und der Erwartungen vereint – ist deutlich gestiegen und liegt erstmals seit zwei Jahren wieder leicht im Plus. Allerdings resultiert der Anstieg des Indikators ausschließlich aus den günstigeren Erwartungen für die nächsten 12 Monate. Die Stimmung ist insbesondere in der Industrie, bei Großhändlern, am Bau und bei den unternehmensbezogenen Dienstleistern gestiegen, während sie im Verkehrs- und Logistiksektor und bei den personenbezogenen Dienstleistern eingebrochen ist.
Bei geringerer Nachfrage ist der Wettbewerb immer härter geworden. Verzögerte Lieferabrufe, stornierte Order und ausbleibende Anschlussaufträge erschweren das Tagesgeschäft. Die Auftragsbestände sind bei 48 Prozent der Industriebetriebe zu klein, die Kapazitätsauslastung liegt mit 68 Prozent weit unterhalb der Normalauslastung von über 80 Prozent. Die Lagebeurteilung ist allerdings nicht mehr so dramatisch schlecht wie noch im Vorjahr. 64 Prozent der Unternehmen sprechen momentan von einer guten oder befriedigenden Lage (Sommer 2009: 48 Prozent).
Liquiditätssicherung weiter im Fokus
Im Zuge steigender Auftragseingänge steht die Sicherung der Liquidität für die Unternehmen weiter im Fokus, um geräumte Läger zügig auffüllen zu können. Solide finanzierte Unternehmen konnten trotz Umsatzeinbrüchen mit konsequentem Kostenmanagement noch Gewinne erzielen. Finanzschwache Betriebe mit sich in der Krise weiter verschlechternden Bilanzkennzahlen und Erträgen geraten zunehmend unter Druck. Von einer flächendeckenden Kreditklemme kann in Südwestfalen nicht gesprochen werden; einzelne Institute verzeichnen sogar neue Rekorde bei der Vergabe von Firmenkrediten. Höhere Kreditrisiken führen aber zu schlechteren Zinskonditionen und zusätzlichen Anforderungen – auch der Warenkreditversicherer - an Sicherheiten in Folge veränderter Risikobewertungen von Anlagegütern, ganzen Branchen und Ländern.
Krise nicht überwunden - Belebung unverkennbar
Über alle Branchen rechnen in der SIHK-Konjunkturumfrage 41 Prozent mit einer besseren Geschäftsentwicklung, während 12 Prozent schlechtere Geschäfte fürchten. Die Unternehmen im märkischen Südwestfalen sehen die Wirtschaftskrise noch nicht als überwunden an. „Trotz selbst eingeleiteter Maßnahmen und der stützenden Konjunkturprogramme werden die Unternehmen auf Sicht deutlich weniger produzieren als vor der Krise", ist sich Rapp-Frick sicher. Die stärksten Risiken für die wirtschaftliche Entwicklung sehen die Betriebe in einer einbrechenden Inlandsnachfrage (74) gefolgt von fehlenden Impulsen im Auslandsgeschäft (49). Auch Energie- und Rohstoffpreise (40), eine unzureichende Finanzierung (23) sowie steigende Arbeitskosten (22) werden als Aufschwunghemmnisse genannt. Wieder steigende Auftragseingänge, eine sich verstärkende Exportbelebung und die sich stabilisierende Finanzwirtschaft sind Lichtblicke am Konjunkturhimmel.
Exportmotor springt an
Das Auslandsgeschäft, traditionell eine wesentliche Stütze der südwestfälischen Wirtschaft, springt in den letzten Wochen wieder an, nachdem die Exportgeschäfte im Jahr 2009 um bis zu einem Drittel zurückgegangen waren. Die Anzeichen einer Trendwende im Auslandsgeschäft insbesondere im europäischen Ausland und in Asien sowie Nordamerika werden stärker. Rapp-Frick geht deshalb davon aus, dass auch die südwestfälischen Exporte im Vergleich zu 2009 wieder anziehen werden. Die SIHK rechnet mit einem Wachstum von ein bis sechs Prozent. In den nächsten 12 Monaten erwarten mehr als 41 Prozent der Industriebetriebe höhere und nur noch 10 Prozent weiter sinkende Exportgeschäfte.
Investitionsstop überwunden
Die Investitionszurückhaltung im letzten Jahr ist überwunden. In der Krise mussten zahlreiche Projekte verschoben, gestoppt und zurückgenommen werden, die zu einem Investitionsstau geführt haben. Die Planung erhöhter Investitionen ist zwar weiterhin schwach, hat sich mit fast 27 Prozent gegenüber 12 Prozent im September des Vorjahres aber deutlich verbessert. Dies lasse ein Nachholen der in der Krise zurückgestellten Investitionen vermuten, so Rapp-Frick. Da in fast allen Branchen erhebliche Kapazitäten brach liegen, beschränken sich die Unternehmen weiter auf notwendige Ersatzinvestitionen (70 Prozent) und Rationalisierung (49), beziehen aber auch Innovationen (39) in die Planungen mit ein.
Arbeitsmarkt überraschend stabil
Der Arbeitsmarkt im SIHK-Bezirk hat sich im Gesamtjahr 2009 erstaunlich widerstandsfähig gezeigt und dadurch geholfen, den privaten Konsum zu stabilisieren. „Die Unternehmen halten nach wie vor – auch dank der verlängerten Kurzarbeitsförderung – so lange wie möglich an ihren Stammbelegschaften fest", betont Rapp-Frick. Mit Kurzarbeit allein lassen sich die Kosten längerfristig aber nicht mehr auffangen. Das Halten von Beschäftigung bei reduzierter Produktion geht natürlich zulasten der Produktivität und ist insofern begleitet von höheren Lohnstückkosten, die die Wettbewerbsfähigkeit schmälern. Wenn die Kapazitätsauslastung weiterhin so gering bleibt, werden die Unternehmen reagieren und die Beschäftigtenzahl senken müssen.
Drei Viertel der südwestfälischen Firmenchefs sind aber weiter bemüht, ihre Stammbelegschaften zu halten oder bei Bedarf zu erhöhen. Insgesamt wird die Beschäftigung in 2010 weiter sinken, denn 25 Prozent der Unternehmen rechnen mit einem Personalabbau.
Industrie: Auftragsbücher füllen sich
Eine kräftige Aufwärtsentwicklung bei der Geschäftslage und sich füllende Auftragsbücher melden die Vorleistungs- und Investitionsgüter-Produzenten, die wichtige Frühzykliker der konjunkturellen Entwicklung sind. Der Anteil der Firmen mit einer guten Lageeinschätzung verdoppelte sich auf 15 Prozent, während auch der Anteil der unzufriedenen Firmen von 60 auf 41 Prozent sank. Die Produzenten sind hoffnungsvoll gestimmt, und erwarten zu fast 47 Prozent eine sich verbessernde Geschäftsentwicklung, die insbesondere aus der Belebung des Auslandsgeschäfts resultiert.
Konjunkturpakete stützen Bauindustrie
Die öffentlichen Konjunkturpakete stützen die heimische Bauindustrie, und führen zu überwiegend zufriedenen Lageeinschätzungen sowie besseren Erwartungen. Die Branche profitiert dabei überwiegend von Aufträgen im öffentlichen Bereich sowie im Bereich der energetischen Gebäudesanierung, während der private Wohnungsbau fast vollständig zum Erliegen gekommen ist.
Dienstleister erwarten Einbruch
Das Dienstleistungsgewerbe zeigt sich gewohnt heterogen. Der Rückgang der Tonnage, vor allem im Automotive-Bereich, gepaart mit Frachtpreisen auf absolutem Tiefstand, führen bei Transportunternehmen zu schlechten Geschäftslagebeurteilungen und verstärkten Fahrzeugabmeldungen. Der Wegfall von Transportkapazitäten sowie eine erwartete Exportbelebung lassen die Branche aber wieder etwas hoffnungsvoller in die Zukunft blicken. Die unternehmensnah operierenden Dienstleister verzeichnen wieder steigende Auftragseingänge und berichten von überwiegend zufriedenen Geschäften und Erwartungen. Dagegen rechnen die personenbezogenen Dienstleister mit einer einbrechenden Verbraucherstimmung und erwarten eine zunehmende Zurückhaltung der privaten Konsumenten.
Handel unter Druck
Mit der Stabilisierung der Industriekonjunktur hat sich auch die Geschäftslage im Großhandel zum Jahresende 2009 verbessert, eine durchgreifende schnelle Erholung wird aber nicht erwartet. Trotz des durchaus gut verlaufenen Weihnachtsgeschäftes verdirbt die zunehmende Jobangst die Kauflaune. Der Einzelhandel befürchtet nach der im Vorjahr noch relativ robusten Konsumneigung vom Arbeitsmarkt und von steigenden öffentlichen Gebühren verstärkt verbrauchsdämpfende Effekte und hat daher seine Erwartungen an dieses Jahr nach unten korrigiert. Für das Jahr 2009 ermittelten die Landesstatistiker bereits einen realen Einzelhandels-Umsatzrückgang (ohne Kfz-Handel) um 2,5 Prozent. Die im Vorjahr bis in den Herbst hinein gute Konjunktur im Kfz-Handel ist nach Auslaufen der Abwrackprämie ins Gegenteil umgeschlagen und hinterlässt ihren dämpfenden Nachklang sowohl bei der binnenwirtschaftlichen Nachfrage als auch bei der Industrieproduktion und Instandhaltung.
